Gesellschaft
HIER STEHE ICH: Motivation Ehrenamt
So steht´s um Ehrenamt

Steigende Zahl von Freiwilligen – mit unterschiedlichen Motivationen
„Was für ein schöner Gottesdienst!“, meint eine Kirchenvorsteherin: „Die Musikstücke passend ausgewählt, die Gemeinde mit eingebunden und lebensnah gepredigt!“, lobt sie weiter. Den Gottesdienst, der hier so positiv beschrieben wird, hat kein Pfarrer gehalten. Es ist der Gottesdienst eines Prädikanten, eines ehrenamtlichen Predigers. In der evangelischen Kirche übernehmen Ehrenamtliche viele Aufgaben – in ganz unterschiedlicher Weise. Sie tragen Gemeindebriefe aus, begleiten Sterbende in Hospizen und verwalten als Kirchenpfleger die Finanzen einer Kirchengemeinde.

Eine ganze Reihe von Aktivitäten in der Kirche wird nur durch Ehrenamtliche organisiert. Und die Zahl der Ehrenamtlichen in der evangelischen Kirche steigt kontinuierlich. Angesichts der regelmäßig hohen Zahl von Kirchenaustritten für mich persönlich ein überraschendes Ergebnis, das aber von unterschiedlichen Erhebungen bestätigt wird. Offensichtlich ist die evangelische Kirche ein attraktiver Bereich freiwilligen Engagements.Warum aber bringen sich Menschen gerne in die evangelische Kirche ein? Was treibt sie an, in ihrer Freizeit zum Teil äußerst arbeitsintensive und verantwortungsvolle Aufgaben zu übernehmen?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich meine Dissertation mit dem Titel: Altruismus, Geselligkeit, Selbstentfaltung – Motive Ehrenamtlicher in der evangelischen Kirche. Die Datengrundlage der Arbeit ist der Freiwilligensurvey, eine der wichtigsten Studien zum Ehrenamt in Deutschland. Seit 1999 wird alle fünf Jahre eine repräsentative Auswahl von Bürgern im Auftrag der Bundesregierung befragt, ob sie sich freiwillig engagiert. Anhand der Daten des Freiwilligensurveys lässt sich die zentrale Frage klären, warum sich Menschen überhaupt ehrenamtlich einbringen – unabhängig von einzelnen Ehrenamtsbereichen. Das überraschende Ergebnis ist, dass vor allem Menschen mit einem großen Freundeskreis und einer starken Kirchenbindung sich häufiger einbringen als andere. Diese zentralen Merkmale, großer Freundeskreis und starke Kirchenbindung, korrelieren mit einer Reihe von Wertvorstellungen. Bei anderen Merkmalen wie Einkommen, Geschlecht oder Wohnort zeichnen sich hingegen keine so deutlichen Unterschiede ab. Dieses Ergebnis hat sich in einem Zeitraum von zehn Jahren, zwischen 1999 und 2009, nicht verändert. Menschen, die sich ehrenamtlich einbringen, wollen offensichtlich ihre Wertvorstellung in die Tat umsetzen. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“, bestätigt Erich Kästner.

Die Motivationspsychologie definiert ein Motiv als zielgerichtetes Handeln, das sich bei verschiedenen Menschen in unterschiedlichen Situationen beobachten lässt. Wenn ein Mensch motiviert ist, empfindet er Spaß und ist voll konzentriert. Er ist gerne „ganz bei der Sache“. Im Ehrenamt kristallisieren sich vor allem drei Motive heraus – Freude am Helfen, der Spaß am Kontakt mit anderen Menschen und die Möglichkeit, sich selbst zu entfalten. Dabei zeichnen sich die meisten Bereiche freiwilligen Engagements durch ein Hauptmotiv aus. So ist Ehrenamtlichen im Sport, dem größten Engagementbereich, die Geselligkeit besonders wichtig. In der Politik dominiert das Motiv der Selbstentfaltung, im Bereich Religion und Kirche der Altruismus, die Freude am Helfen. Auch in der evangelischen Kirche ist die Mehrheit der Ehrenamtlichen altruistisch motiviert. Unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen unter 30 Jahren ist jedoch die Geselligkeit wichtiger. In der Altersstufe der freiwillig Engagierten ab 60 Jahren ist der Anteil derer, die sich selbst entfalten wollen, besonders markant gewachsen.

Wobei der Anteil Ehrenamtlicher in dieser Altersgruppe in der evangelischen Kirche besonders stark zugenommen hat. Für Ehrenamtliche in der evangelischen Kirche ist demnach nicht ein spezifisches Motiv wichtig. Vielmehr hat jedes der drei Motive Bedeutung – für eine wachsende Zahl von Menschen.

Text: Stephan Seidelmann
Foto: ELKB, Lukas Barth

 

ZUM AUTOR

Stephan Seidelmann ist Gemeindepfarrer in München. Im Hinblick auf das Reformationsjubiläum 2017 meint er: „Das Ehrenamt ist keine Erfindung Martin Luthers, hat aber protestantische Wurzeln.“ Der Theologe forscht bereits mehrere Jahre zum Ehrenamt: 2013 war er der Autor der
Sonderauswertung des Freiwilligensurveys im Auftrag des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). In seiner Dissertation hat er die Motive Ehrenamtlicher erforscht. Sie ist 2016 unter dem Titel „Altruismus, Geselligkeit, Selbstentfaltung – Motive Ehrenamtlicher in der evangelischen Kirche“ erschienen.
Laut Stephan Seidelmann ist das Ehrenamt eine sichere Basis für die evangelische Kirche – auch in der Zukunft: „Die Zahl der Ehrenamtlichen steigt – gerade auch in der evangelischen Kirche.“