Titelthema
Leben mit Gerüsten
Leben mit Gerüsten

Für historische Gebäude wie die Lorenzkirche sind Gerüste normal und gehören dazu. Und sie taugen auch hervorragend als Bild für unser Leben. In einer Lorenzer Kurzandacht, die Ende April auf dem Außengerüst stattfindend gefilmt wurde, habe ich vier Analogien zum Leben aufgezeigt.

Erstens: Leben ist einsturzgefährdet

Ich kann es schon länger nicht mehr hören: die ganzen Dinge, die durch die Corona-Krise angeblich besser geworden sind. Das klarere Wasser in Venedig, die Entschleunigung des Lebens, die Chance zum Neuanfang. Das ist alles richtig und vielleicht auch gut. Unsere Seele braucht wohl diesen Kontrast und die positiven Gesichtspunkte. Aber mir ist das oft noch zu früh und zu bitter.

Denn eines haben wir in den letzten Wochen wirklich gnadenlos lernen müssen: dass unser Leben zerbrechlich ist. Plötzlich steht alles infrage. Früher wussten die Menschen das. Und obwohl die Art des Lernens bitter ist, ist es ist wahrscheinlich gut, genau das wieder zu begreifen und unseren Fortschrittsglauben zu hinterfragen. Das macht uns weiser.

Sehr fromme Christen sagen gelegentlich, dass es sie nicht treffen würde. Das ist natürlich Quatsch. Was aber stimmt ist: dass unsere Sicherheit in Gott liegt und Gott unsere Kraftquelle und Orientierung sein will. Die Lorenzer Gerüste werden uns jetzt für ein oder zwei Jahre erhalten bleiben und uns hoffentlich daran erinnern, dass unser Leben bedroht und zerbrechlich ist.

Zweitens: Leben kann immer verbessert werden

Wie gesagt: an unserem „Kirchlein“ wird seit 770 Jahren gebaut, verbessert, neu ausgerichtet, neu verkabelt, neu beleuchtet, neu gedeckt und Schäden werden beseitigt.

So ist das auch mit unserem Leben. Pubertierende glauben, sie seien auf dem Höhepunkt der Weisheit angelangt. Sechzigjährige Männer am Stammtisch denken auch, dass sie fertig seien und alles wüssten. Aber das stimmt natürlich nicht: Neu-Orientierung, Um-Denken, Verbessern, Neues lernen:das geht bis ins hohe Alter und es hält jung. Renovierungen sind immer möglich. Sich neue Dinge anzugewöhnen, auch. Neugierig zu bleiben ist eine der besten geistlichen Übungen, die es gibt.

Und so erinnert uns das Gerüst daran: Leben kann immer aktiv verändert, verbessert und neu ausgerichtet werden.

Drittens: Leben braucht Stütze von außen

Ohne Gerüst können sowohl Gebäude als auch das Leben bisweilen einbrechen. In der Kirche müssen für die Zeit der Bauarbeiten, der statischen Verbesserung und des Umbaus verschiedene Gerüste aufgestellt werden. Menschen sind Gemeinschaftswesen. Manche sagen sogar, dass das ganze Universum auf Beziehung hin ausgelegt sei. Beziehungen sind unser Gerüst. Menschlicher Stolz mag es oft nicht, auf andere angewiesen zu sein. Aber Gerüste können uns daran erinnern, dass es gut und richtig ist, sich von anderen stützen zu lassen. Das gehört so.

Und so könnte das Nachdenken über die Analogie „Leben mit Gerüsten“ uns vielleicht sogar von der Vermessenheit befreien, dass wir Menschen es schon alleine schaffen würden. Gott verspricht uns: Schutz und Schild – eben auch: Gerüst! – zu sein. Und wir Menschen sollen einander liebevoll dienen. Und das heißt eben oft, dass wir einander stützen müssen.

Viertens: Leben ist auch im unvollendeten Zustand gut

Unser Leben ist gebrochen. Immer. Niemals fertig. Chaotisch und widersprüchlich. Ich bin mit Verallgemeinerungen zwar vorsichtig, aber das ist wirklich bei allen so. Finden Sie das schlimm und frustrierend?

Falls ja, kann ich Sie beruhigen. Das brauchen Sie nicht, denn es geht gar nicht anders. Im Gegenteil: Menschen mit allzu glattem Lebenslauf sind oft unzufriedener als die, in deren Leben es offensichtliche Brüche, Katastrophen, Neu- und Umbauten gab.

Wer ein perfektes Leben anstrebt, braucht alle Lebensenergie für den perfekten Schein und wird das Ziel doch nie erreichen. Wer hingegen das Unvollendete des Lebens fröhlich zu meistern versucht, bekommt Energie und Zufriedenheit. Leben im unvollendeten Zustand, Leben, in dem Gerüste herumstehen, ist oft trotzdem sehr gutes Leben.

Ich finde ein Bibelwort da sehr tröstlich: und ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu. (Phil 1,6)

Leben mit Gerüsten – also einsturzgefährdetes, unfertiges, gebrochenes Leben – ist erfrischend normal. Vielleicht meditieren Sie ja demnächst einmal in diese Richtung, sprich über unsere Lorenzer oder auch über andere Gerüste. Viel Spaß damit.

In der Lorenzer Kurzandacht folgte dann später noch ein zusammenfassendes Gebet. Vielleicht mögen Sie es ja so oder so ähnlich auch einmal beten:

Leben ist einsturzgefährdet

HERR, mach‘ uns weise. Hilf uns, unsere Wertesysteme zu überprüfen, und schicke uns neue Gedanken oder Menschen über den Weg, die uns helfen zu begreifen, was trägt.

Leben kann immer verbessert werden

HERR, hilf uns, neugierig zu bleiben und mach uns bereit, neue Wege zu gehen, und geh‘ selbst mit. Wir nehmen dich fest an der Hand. Tröste uns.

Leben braucht Stütze von außen

HERR, wir danken dir für die Menschen, die uns täglich dienen.
Sei besonders bei denen, die gerade am Verzweifeln sind. Und hilf uns, für andere Stütze und Gerüst zu sein.

Leben ist im unvollendeten Zustand gut

HERR, befreie uns von dem Wahn, alles selbst, alles richtig machen zu wollen.

Lass uns nach deinen Spuren im Nicht–Vollendeten Ausschau halten und mach uns getrost und fröhlich, wenn wir sie finden.

Amen.

Text: Jan Martin Depner
Artikelfotos: Archiv St. Lorenz

DIGITALE ANGEBOTE IN DEN GEMEINDEN: 

Gottesdienstübertragungen bei Franken Fernsehen, jeden Sonntag um 10 Uhr.

Sendetermine der Kirchengemeinden St. Egidien & St. Sebald:

Sonntag, 18. Oktober:
Diakoniegottesdienst aus St. Sebald
mit Pfarrerin Barbara Hauck:
„Wegschauen schützt nicht vor Schlägen“

Sonntag, 15. November:
Kulturgottesdienst aus St. Egidien
mit Pfarrer Thomas Zeitler:
„75 Jahre Kriegsende – Vom Leben in Trümmern“

Sonntag, 13. Dezember:
Gottesdienst aus St. Sebald zur Eröffnung der 62. Aktion „Brot für die Welt“
mit Diakoniepräsident Michael Bammessel: „Kindern Zukunft schenken“

Diese Gottesdienst werden jeweils eine Woche zuvor in St. Sebald/St. Egidien aufgezeichnet.
Weitere Termine und Live-Streaming unter sebalduskirche-aktuell.de

 

Sendetermine der Kirchengemeinde St. Lorenz:

Sonntag, 25. Oktober
Sonntag, 22. November
Sonntag, 20. Dezember

Das Team der Lorenzkirche produziert eine Kurzandacht pro Woche, die immer aktuell ab Samstagmorgen im Netz unter lorenzkirche.de zu finden ist. Dort finden Sie auch viele Kurz-
andachten der letzten Wochen und Monate. Darüber hinaus wird ein Sonntagsimpuls auch im Franken Fernsehen übertragen.

Sendetermine der Kirchengemeinde St. Jakob:

Sonntag, 4. Oktober:
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Sonntag, 1. November:
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Sonntag, 6. Dezember:
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