Musiktipp
Konzert am Volkstrauertag
Requiem – Klang des Loslassens

Das Requiem bezeichnet ursprünglich die Eucharistiefeier vor dem ehemals heidnischen Totenmahl. Es entstand als frühchristlicher Ritus mit ersten religiösen Formen im zweiten Jahrhundert und wurde Teil der Begräbnisliturgie. Es ist somit einer der ältesten Gesänge der katholischen Liturgie. Das Requiem erklang u.a. an Beisetzungen, ehe es im 9./10. Jahrhundert zur alleinigen Messfeier am Festtag Allerseelen am 2. November erhoben wurde.

Die Bezeichnung stammt vom Introitus „Requiem aeternam dona eis“, mit dem die Totenmesse beginnt. Sie ist Gedenken an den Tod Christi und des Verstorbenen, der durch Namensnennung im Kreis der Lebenden aufgenommen ist. Der Tod ist Erlösung vom irdischen Leben, Befreiung der Seele für Gott, damit Parallelisierung zur Auferstehung. „Ewige Ruhe“ hat zentrale Bedeutung in der frühen Christenheit. Das Requiem war also zunächst vom ganzen Charakter her ein freudiges Fest mit dem Übergang in eine neue Lebensphase. Im Mittelalter setzte dann eine aus heutiger Sicht eher negative Entwicklung ein. Die bedrohlichen Elemente Gericht-Buße-Fegefeuer verdrängen die österlichen Elemente, ganz im Sinne eines strafenden Gottes. Dieser Wechsel vollzog sich in Übereinstimmung mit der Veränderung der von Rom ausgehenden Glaubenseinstellung. Neue Teile traten hinzu wie etwa die Sequenz „Dies irae“. Entstanden im 13. Jahrhundert, war sie zunächst von geringer Bedeutung, erst mit der Zunahme des Bußcharakters erhielt sie ihre zentrale Stellung in der Begräbnisliturgie.

Die „Missa pro defunctis“, wie die Totenmesse liturgisch heißt, entwickelte sich nach und nach aus regional unterschiedlichen Gesängen. Jedes Land und jede kirchliche und weltliche Herrschaft hatte mehr oder weniger unterschiedliche Formulare, teils mit nur rudimentären Abweichungen, teils mit erheblichen Unterschieden. Zu nennen sind hier v.a. die von England ausgehende, nördlich der Alpen und in Frankreich verbreitete englische und die in Italien verbreitete römische Fassung.

Im Konzil zu Trient, mit dem die Gegenreformation startete, wurde das Requiem vereinheitlicht. Im 1570 veröffentlichten, für die gesamte katholische Kirche vorgeschriebenen Missale gibt es nur noch ein Formular. Es hat seitdem neun musikalische Teile. Das Responsorium „Libera me Domine“ wird, obwohl kein Teil der Totenmesse, häufig angehängt.

Wie verläuft nun die Entwicklung der mehrstimmigen Vertonungen?

Die lokalen Traditionen fanden zunächst ihren Platz in den mehrstimmigen Vertonungen einzelner Sätze. Musikalisch waren sie häufig eher auf Einfachheit ausgerichtet, damit eine verständliche Realisation auch durch ungeübtere Sänger möglich war. Die ersten vollständig erhaltenen Requiems sind aus dem 15./16. Jahrhundert überliefert. Bald folgten weitere Werke, häufig in höchst kunstfertigen Ausführungen. Alle diese Werke fussten auf den gregorianischen Melodien.

Das änderte sich ab etwa 1600 im Barock mit dem Aufkommen des begleiteten Gesangs über einer instrumentalen Grundlage, und des konzertierenden Stils. Die Bindung an die Gregorianik nahm diametral mit der Zunahme individuellen Erfindungsreichtums ab, der sich an dem zu interpretierenden Textinhalt orientierte. Instrumentale Anteile und der Oper entnommene musikalische Formen dienten einer frei erfundenen, gefühlsbetonten Textinterpretation. Dennoch lebte der Anteil gregorianischer Melodien wie auch der Gebrauch kontrapunktischer Formen in geringerem Umfang weiter. Manche Totenmessen wurden bewusst volkstümlich gehalten, um den Eindruck elitärer Musikausübung wenigstens bei dieser Art zu vermeiden.

Im 19. Jahrhundert führte die Fülle an Emotionen und eine ausufernde Behandlung von Tonmalerei zur expliziten Hervorhebung bestimmter Textteile. Zugleich befreite sich die Gattung vom ursprünglichen Bestimmungszweck, wobei sich im wesentlichen vier Gruppen abzeichneten:

1. In erster Linie für den Gottesdienst geschriebene Werke, zurückhaltend in den musikalischen Ausdrucksmitteln.

2. Zu besonderen feierlichen Anlässen für Kirche und Konzertsaal geschriebene Werke mit umfangreichem Chor- und Orchesterapparat.

3. Reine Konzertkompositionen ohne liturgische Bindung.

4. Requien nur dem Namen nach des 19. aber v.a. des 20. Jahrhunderts.

Welcher Gruppe lässt sich nun Antonín Dvořáks Requiem op. 89 zuordnen? Es gehört

der dritten Gruppe an. Und es ist in Dvořáks fruchtbarster Schaffensperiode komponiert. Ohne liturgische Bindung und kirchliche Gedenkfunktion entstand es als Auftragswerk für das „Birmingham Triennial Music Festival“. Demgemäß fand dort 1881 die Uraufführung im Konzertsaal statt.

Dvořák setzt sich dennoch nicht über die katholische Tradition hinweg. Er teilt die Totenmesse in zwei Teile und dreizehn Einzelsätze auf. Allein sechs Sätze fallen dabei auf die Sequenz „Dies irae“. Dvořák eröffnet und schließt das Werk mit einem leisen Klagemotiv, das in Halbtonschritten in rhythmisierter Unbestimmtheit den Ton g umspielt. Dieses Motiv durchzieht gleichsam in leitmotivischer Funktion das gesamte Werk. Es steht als „schmerzlicher Seufzer“ symbolisch für den Tod. Innerhalb der beiden Pole Anfang und Ende spielt sich eine Fülle musikalischer Gestaltungen ab.

Lyrische, eher meditative Episoden wechseln sich mit dramatischen Abschnitten ab. Das erlösende österliche Moment nimmt die Gegenposition zur Dramatik des Todesmotivs ein. Opernhafte Züge treffen auf eher volkstümliche und choralartige Techniken im kompositorischen Satz und in melodischer Gestaltung. Einfacher blockhafter Satz wechselt mit kontrapunktischen Abschnitten. Es ist ein großes berührendes Werk, das keinesfalls nur im Konzertsaal gespielt werden sollte. Aus tiefer Frömmigkeit geboren hat es auch in der Kirche seinen Platz.

Am Volkstrauertag, Sonntag 17. November, erklingt es um 17 Uhr in St. Sebald. Weitere Informationen zur Einführung, zu den Preisen und der Besetzung finden Sie im Kalendarium auf Seite 45.

Text und Artikelfoto: Axel Emmerling