Themenartikel
Sturm der Trauer
Sturm der Trauer

Carlas Welt stand still. Von einer Minute auf die andere. Natürlich drehte sich die Welt um sie herum weiter, die Kinder hatten Hunger, ihr Mann kam von der Arbeit, im Büro warteten die Projekte. Irgendwie schaffte sie es, die folgenden Tage bis zur Beerdigung zu überstehen. Ihr Mann nahm Urlaub und kümmerte sich um die Kinder. Carla trat Hals über Kopf die weite Reise in ihre Heimatstadt an. Und musste sich dort, noch unter Schock, um alles kümmern. Um die Formalitäten, um die Beerdigungsvorbereitungen, um den Nachlass, um alles. Sonst war ja niemand da. Ihr Bruder lebte seit Jahren in den USA und der Vater war schon früh gestorben.

In den Wochen nach der Beerdigung funktionierte sie wie eine Maschine. Alles geschah wie unter einer Glocke. Beruf, Familie, Haus – all das hielt sie irgendwie über Wasser. Der Schmerz saß so tief, dass Carla gar nicht dazu kam, ihn zu spüren. Bis zu dem Tag, an dem Sweetie starb, das Meerschweinchen der Kinder.
Da gab es kein Halten mehr. Carla weinte, bis sie nicht mehr konnte. Sie schluchzte und heulte die ganze Nacht hindurch. Am nächsten Morgen wurde ihr klar: Ich trauere um ein Meerschweinchen! Und dabei ist doch meine Mutter gestorben, schrecklich verunglückt. Sie spürte: So geht es nicht weiter. Ich brauche Raum für meine Trauer. Ihr Mann ermutigte sie: „Fahr weg, nimm dir eine Auszeit.“

Eine Freundin holte die Kinder für drei Wochen zu sich, für die beiden fühlte es sich an wie Urlaub. Und Carla fuhr an die Nordsee. Im November war sie fast allein auf ihrer Lieblingsinsel. Das war ihr nur recht. Ihr Zimmer mit Blick auf das tosende Meer war genau das Refugium, das sie jetzt brauchte. Jeden Tag lief sie am Strand entlang, stundenlang, kilometerweit. Der Sturm peitschte ihr ins Gesicht und nahm ihr fast den Atem. Salzige Gischt spritzte auf die Haut. Die Tränen liefen ihr übers Gesicht und vermischten sich mit Meerwasser und Regen. Niemand hörte es, wenn sie laut weinte und schrie. 

Wenn sie mit Gott haderte, wenn sie in den Sturm brüllte: „Warum?“

Nachts schlief sie tief und fest vor Erschöpfung und weil die Luft sie so müde gemacht hatte. Jeden Morgen vor dem Laufen hatte sie es sich zum Ritual gemacht, einen Psalm zu lesen. Darin fand Carla Worte, mit denen sie ihr Leid vor Gott bringen konnte. Das half ihr aus ihrer Sprachlosigkeit. 

Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. 

Ich bin ausgeschüttet wie Wasser,  

mein Herz ist in meinem Leibe wie 

zerschmolzenes Wachs.

(aus Psalm 22)

Genau so fühlte sie sich. Die erste Woche lang. 

In der zweiten Woche merkte sie dann: Es kommen kaum noch Tränen. Stattdessen stiegen Erinnerungen in ihr auf, plötzlich, wie Sprudelbläschen stiegen sie an die Oberfläche: wie sie als Kind mit ihrer Mutter so viel Lustiges erlebt hatte. Davon erzählte sie ihrem Mann abends am Telefon. Und ertappte sich dabei, dass sie lachen musste.

Am nächsten Morgen las sie weiter im Psalm und fand diese Worte:

Er hat nicht verachtet noch verschmäht 

das Elend des Armen 

und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; 

und da er zu ihm schrie, hörte er’s. 

(aus Psalm 22)

Langsam fand sie zurück ins Leben. 

Hatte Sehnsucht nach ihren Kindern, freute sich sogar auf die Arbeit und telefonierte lang mit alten Freunden und mit ihrem Bruder in Amerika.

Carla fuhr ein paar Tage früher nach Hause als geplant. Im Gepäck einige wenige Muscheln und Steine. Die legte sie zu Hause auf ihren Schreibtisch. Dazu ein handgeschriebenes Kärtchen:

Gott hat sein Antlitz nicht verborgen;

und da ich zu ihm schrie, hörte er’s.

Text: Annette Lichtenfeld
Artikelfoto: iStockphoto.com