Gesellschaft
Eine Andacht
Zum Glück Glaube

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten.

Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen. (1 Kor 6,12)

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten.

Was passiert, wenn verantwortlichen Politikern völlig egal ist, was mit den ihnen anvertrauten Menschen passiert, sehen wir derzeit in einigen Ländern der Welt. Und die wachsende Zahl der daraus resultierenden Toten macht mich nicht nur traurig, sondern wütend!

Ich glaube, die New York Times stehen wenig im Verdacht, eine christliche oder religiöse Publikation zu sein. Am Wochenende des amerikanischen Memorial Day ging es auf der Titelseite aber um Auferstehung:

Zum ersten Mal seit Menschengedenken erschien sie mit einer Titelseite ohne Fotos oder Grafiken und füllte diese stattdessen mit den Namen Hunderter ziviler Opfer.

Zu diesem Zeitpunkt, Ende Mai, war in den USA die offizielle Zahl von 100.000 Corona-Toten fast erreicht. Damit also weit mehr, als Amerikaner in Vietnam gestorben sind.

Durch so eine Aktion wird natürlich kein Corona-Opfer wieder lebendig, doch werden die Toten aus der nüchternen Sterbestatistik gehoben. Auferstehung aus der Anonymität. Aus Zahlen werden für einen Moment wieder Menschen.

Wie dankbar können wir sein, dass bei uns so wenige Menschen bisher zu Zahlen in Statistiken werden mussten. Jeder Einzelne ist einer zu viel.

Warum aber sind bei uns die Proteste so erbittert?

Auch im kirchlichen Kontext hat mich doch manche Diskussion der vergangenen Wochen verwundert, allen voran die um die „Systemrelevanz“.

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten.

Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen.

Was nimmt uns gefangen, wenn wir solche Diskussionen führen?

Die eigene Eitelkeit? Die Angst, nicht wichtig genug zu sein?

Als was? Als Kirche? Als Personen? Als Amtsträger?

Und wer definiert denn, was wichtig ist?

Wodurch sich Systemrelevanz auszeichnet?

Wir haben auch in diesem Jahr Ostern gefeiert!

Mehr „relevant“ geht nicht: nicht einmal der Tod hat bei Gott das letzte Wort. Von dieser Warte aus betrachtet ist vieles, worüber wir diskutieren, eigentlich gar nicht so wichtig, wie wir es machen.

Mir hilft in solchen aufgeregten Debatten manchmal der Blick über die Nordsee, nach England. Die Menschen hat es dort auch sehr hart getroffen. Doch wie ist die Stimmung?

Da käme aus meiner Erfahrung innerkirchlich gar keiner auf die Idee, zu fragen, ob sie mit ihrer Botschaft systemrelevant sind – und das, obwohl dort sogar die Kirchen viele Wochen (inkl. Ostern) alle komplett geschlossen waren und erst jetzt ganz langsam wieder öffnen dürfen. Sie würden diese Frage nach der eigenen Wichtigkeit wohl eher als „typisch deutsch“ abtun.

Deren Perspektive ist immer die der Chance.  Sie schauen auf das, was man aus etwas machen kann und nicht auf das, was daran gerade schwierig ist.

Sie empfinden es als Glück, ihren Glauben zu haben, der sie durch das Auf und Ab des Lebens trägt.

Hier ein paar direkte Zitate aus Mails von Freunden aus der Church of England aus den letzten Wochen:

– Wir lernen, neue Verbindungsmöglichkeiten zu genießen und neue Wege zu gehen.

– Wir freuen uns an einer ungewohnten Sabbatruhe in unseren sonst überforderten Leben und bekommen dadurch neue Impulse, um ein  freundlicheres Verhältnis mit unseren Nachbarn und mit der bedrohten Umwelt zu gestalten.

– We at least have each other which is so different from all those who are ill or bereaved.

– Just desperate for so very many in our different countries, and even worse among refugee camps and war torn areas and slums.

Fast jede Mail aber schließt mit einem Satz in etwa so wie dieser:

– I think it will be a very different world emerging from all this, but we trust Jesus Christ is the same yesterday, today and forever and will guide and strengthen us.

Frei übersetzt:

Auch wenn die Welt morgen ganz anders aussähe, bleibt Jesus Christus doch derselbe – gestern, heute und für immer. Und er wird uns leiten und uns Kraft schenken.

Was für ein Glück, so einen Glauben zu haben!

Wenn man das wirklich ernst meint, ist es letztlich egal, was uns von außen an Relevanz zugeschrieben wird oder eben auch nicht.

Ich bin der Meinung: Wenn der Osterglaube nicht systemrelevant ist – was ist es dann?

Text: Stefanie Reuther
Artikelfoto: privat