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So entsteht Leben

Auch heuer feierten wir wieder Ostern und werden wieder Weihnachten feiern. Frühere Generationen waren mit der Entstehung des Lebens und wohl auch mit der Auferstehung der Toten anders vertraut als heute.

Die Künstler in den gotischen Kirchen versuchen, sich ein Bild zu machen vom Geheimnis des Lebens und es irgendwie nahezubringen. Dies zum einen, damit die Menschen an diesem Geheimnis beteiligt sind, es aber weder in Griff bekommen noch ergründen können – alle jungen Eltern wissen das, sie sind ergriffen und berührt vom Geheimnis ihres neugeborenen Kindes. Zum anderen, weil den Menschen weder am Anfang noch am Ende des Lebens mit einem Denk- und Bilderverbot geholfen ist. Worüber man nicht verbindlich reden kann, darüber müsse man schweigen.

Ein Gang durch unsere Kirchen

Hoch über dem Sebaldusgrab des Peter Vischer und seiner Söhne winkt ein Kind zum Zeichen, dass das Leben siegt. Verspielt hält es einen Ball in der Hand – oder ist es doch das Christkind, „das alle Welt erhält und trägt“ (EG 24,5)? Die Spinnweben der altertümlichen Vorstellung, dass Kinder erst einmal erwachsen werden müssten, sind inzwischen längst beseitigt. Das monumentale Grab ruht auf Schnecken und Delfinen. Geht es also nur im Schneckentempo auf die Vollendung aller Dinge zu? Die Schnecke, die sich winters in ihrem Haus verschließt, um im Frühjahr die Kalkschicht zu durchbrechen, ist ein altes Symbol der Auferstehung Jesu. Den Delfin, so schreibt Pfarrer Axel Töllner, „verbindet die christliche Kunst mit dem Wal-‚fisch‘, der den Propheten Jona drei Tage verschluckt hatte, ihn dann aber lebendig ausspuckte.

Das Neue Testament schlägt einen Bogen zur drei Tage dauernden Zeit zwischen Karfreitag und Ostern“. Das „Schönsche Epitaph“ in St. Lorenz zeigt den Pelikan und den Löwen. Nach dem „Physiologus“, einem antiken Naturkundebuch, bringt die Löwin tote Jungen zur Welt, die der Vater brüllend zum Leben erweckt. Das österliche Geschehen geht auf die Jünger über, denen – angeblasen vom Auferstandenen – das neue Leben zuteilwird. Der Löwe ist immer auch Symbol des Messias aus dem Stamm Juda. Der Pelikan wird so gedeutet, dass er mit seinem eigenen Blut die hungrigen Jungen nährt – ein Symbol für den Opfertod Christi.

Pflanzen und Blumen sind beliebte Symbole auf Epitaphien, den Bildern für Verstorbene in den vier Altstadtkirchen: So weist etwa der helle Hahnenfuß, damals als Heilpflanze gebraucht, auf Christus, den Heiland. Aus der verwelkenden Pflanze kommen immer neue Triebe hervor. Die violette Akelei steht für Trauer und Schmerz – somit für die Farbe, die kirchlich zu den stillen Zeiten gehört.

Künstler nutzen Tiere und Pflanzen, um auf Analogien zwischen Schöpfung und Erlösung, Welterfahrung und biblischer Geschichte hinzuweisen. Wie überhaupt die Menschen früher Glauben und Wissen, Zeit und Ewigkeit, Himmel und Erde nicht trennten, sondern überall von einem tiefen Zusammenhang allen Lebens in Gott ausgingen.

Dafür haben die Menschen von heute ein nahezu lückenloses Wissen über naturwissenschaftliche und medizinische Vorgänge, wovon jene aus früheren Zeiten nicht den Schimmer einer Ahnung hatten. Vieles können wir heute zwar „erklären“, aber „verstehen“ wir es auch, uns hineinzuversetzen in dieses Geheimnis? Vielleicht gehört der frühere Blick auf Tiere und Pflanzen ebenso heute noch zu den Glücksmomenten der Entstehung des Lebens und des Lebens nach dem Tod.

Im Nürnberger Tiergarten am Karfreitag um 18 Uhr

Die Giraffen haben Ruh, das Raubtierhaus hat zu, strömen da auf einmal die letzten paar Besucher zusammen, wo dieses zottelige, schottische Hochlandvieh steht, das mit den riesigen Hörnern und dem feinen, sich kräuselnd dichten Fell dazwischen. Und? Du siehst, siehst, was du nie im Leben gesehen hast. Und doch weißt du sofort, was hier geschieht. Eine Kuh kalbt. Zögernd bleibst du stehen. Ein verschämt verlegenes Stieren auf den intimsten Vorgang im Leben aller. Aber du musst hinsehen, als ob es etwas zu bezeugen gäbe. Da rutscht das Kleine wie ein Sack auf die Erde. Die Mutter leckt es sogleich ab. Der Bulle stößt‘s sanft an mit seiner breiten schottischen Hochlandstirn, dass es sich regt. Dann kommt dieser entscheidende Moment, wo das Neugeborene selber aufstehen muss, selber auf die eigenen Beine kommen muss, damit es leben kann. Mucksmäuschenstill wird es im großen Rund der Tiere und der Menschen. Der Mann am Zaun neben dir schluckt.

Da, endlich: Geschafft!

Das Kälbchen steht tatsächlich auf seinen vier Beinen, staksig, wacklig. Aber es steht. Jetzt kann’s Ostern werden! Das bedeutet in dem Fall: Auf eigenen Beinen stehen. Da hebt die Kuhmutter zum ersten Mal den Kopf und schaut uns an. Bravo, rufen die einen, und klatschen Beifall. Die andern stehen da und sind einfach nur gerührt. Der neben dir sagt: Herzlichen Glückwunsch.

Karfreitag im Paradies bei den Tieren. Wie rührend ernsthaft und armselig unser Sprechen ist. Zu einer Kuh „Herzlichen Glückwunsch“ sagen – hast du da noch Töne? Aber nicht der kindlichen Reaktion, sondern der unsagbar kraftvollen Aktion gehört die Aufmerksamkeit. Selten sind wir dem Tode näher als bei der Geburt. Selten sind wir dem Leben näher als im Sterben. Weihnachten und Ostern: Das Leben behält den Sieg.

Text: Heiner Weniger
Bilder: Archiv St. Lorenz und Archiv St. Sebald

Kind auf dem Sebaldusgrab.
Schnecke und Delfin am Sebaldusgrab.
Pelikan und Löwe: Das Schönsche Epitaph in St. Lorenz.
Hahnenfuß und Akelei aus dem Katharinenaltar in St. Lorenz.