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ABC des Gemeindelebens

Heute: K wie Kirchenvorstandswahl oder „Jeder nur ein Kreuz!“

SICHERHEITSHINWEIS VOR DEM LESEN:
Viele Jahre lang hat Hannes Schott in seiner Doppelfunktion als Pfarrer und Kabarettist ein augenzwinkernd-satirisches „ABC des Gemeindelebens“ veröffentlicht. Anlässlich der letzten Kirchenvorstandswahl 2018 schrieb er nachfolgenden Text. Kirche und Gesellschaft haben sich in den seither vergangenen sechs Jahren sehr verändert. Entscheiden Sie daher selbst: Gilt dieser Text immer noch?

Alle sechs Jahre wird die evangelische Kirche basisdemokratisch. Dann wird nämlich ein neuer Kirchenvorstand gewählt. Derzeit suchen die Vertrauensausschüsse der Kirchengemeinden händeringend Kandidatinnen und Kandidaten und stellen dabei frustriert fest, dass manche potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten nicht der entsprechenden Kirchengemeinde angehören, in der sie oft gesichtet werden, oder katholisch oder sogar ausgetreten sind. Man könnte auch einen Vergleich ziehen zur Suche nach einem israelitischen König im Alten Testament, wobei auch hier die weisen Worte Samuels („Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.“ 1. Samuel Kapitel 16, Vers 7) sicher ein beherzigenswerter Hinweis sind.

Ein weiterer Vergleich sind sicher die zwölf Jünger Jesu. Dass davon einer den Herrn Jesus verriet und ein anderer ihn verleugnete und dass es oft nur ums Essen, Trinken, Wandern und die Geselligkeit ging, sollte die Kandidatenansprüche niedrig ansiedeln.

Daher hat die evangelische Landeskirche eine offizielle Ausschreibung für mögliche Kandidatinnen und Kandidaten wieder zurückgezogen, die nach einer repräsentativen Befragung von Pfarrerinnen und Pfarrern erstellt worden war. Sie ist aber dem Autor in die Hände gefallen, der sie nun ohne Rücksicht auf eigenes Ansehen und seine Karriere veröffentlicht („Schottileaks“).

Betreffende Geistliche schrieben:

– Der Kirchenvorsteher/die Kirchenvorsteherin ist ein positiver Mensch. Er/sie besucht jeden Sonntag den Gottesdienst und äußert sich anschließend ausschließlich lobend über das Erlebte. Vor und nach dem Gottesdienst hat er/sie keinerlei familiäre Verpflichtungen, kann ehrenamtlich mesnern und die Kollekte zählen.

– Er/sie hat kleine und jugendliche Kinder, die er/sie zu Gemeindeveranstaltungen bringt. Die Arbeit mit Senioren liegt ihm/ihr besonders am Herzen.

– Er/sie ist selbst Mitte/Ende 30 ohne eine Beschäftigung, die ihn/sie zu sehr einbindet oder sehr jung gebliebener Ruheständler – am besten Akademiker(in) mit großer handwerklicher Begabung.

– Er/sie ist finanziell unabhängig und will keinen pekuniären Ausgleich für sein Ehrenamt.

– Er/sie ist perfekt in allen Koch- und Backkünsten bewandert und zeigt diese auch bei jeder Gelegenheit.

– Er/sie geht mehrmals wöchentlich ins Fitnessstudio, um begeistert bei jedem Gemeindefest Bierbänke zu stemmen.

– Er/sie ist sehr musikalisch und wirkt gern in Kirchen- und Posaunenchor mit, hat ein Herz für klassische Kirchenlieder und neuere christliche Popularmusik.

– Er/sie ordnet sich gern der Meinung des Pfarrers/der Pfarrerin unter, ist aber gleichzeitig stark im Organisieren und Leiten eigener Gemeindeveranstaltungen.

– Er/sie ist traditionsverhaftet, aber topfit auf dem Gebiet der neuen Medien.

– Er/sie ist im Denken sehr flexibel: Je nach Diskussion und Fragestellung ist er/sie konservativ oder liberal, auf die Finanzen schauend oder der Gemeinde auch einmal etwas gönnend, pragmatisch oder träumerisch, demokratisch veranlagt oder ordnet sich gern einer Diktatur durch den Pfarramtsführer unter.

Folgende Rollen sind in einem Kirchenvorstand zu vergeben:

Der/die Feminist(in), der/die Öko, der/die Fromme, der/die Querulant(in), der/die Traditionalist(in), der/die Pfarrersvergötternde, der/die Wirtschaftler(in), der/die Esoteriker(in) … (ohne Anspruch auf Vollständigkeit).

Gewöhnlich erhalten dann bei gleicher Eignung Ärzte („Den kennd mer hald!“), Juristen („So an brauchd mer hald!“), Teens oder Twens („Endlich amoll a jungs Gsichd in der Kerng!“) die Mehrheit der Stimmen.

Dass in diesem Jahr an alle wahlberechtigten Personen Kirchenvorstandswahlunterlagen geschickt werden, ist umstritten. Dies könnte zu vermehrtem Wahlbetrug führen („Oma, du bisd die Aanziche, die bei uns in die Kerng gehd, wähl amoll fer uns alle mid!“).

Entgegen aller böser Gerüchte („Des bassd den Pfarrern ober net, dass se net alles allaans entscheiden könna!“) sind Pfarrerinnen und Pfarrer übrigens sehr dankbar für alle Menschen, die sich als Kirchenvorstand in ihren Gemeinden engagieren.

Text und Fotos: Hannes Schott